Wir trauern um Margarete

Am 7. März 2019 ist Margarete von der Borch nach langer Krankheit im Alter von 53 Jahren verstorben.

Perspektiven ist Margaretes Lebenswerk. Sie war Initiatorin und Herz unseres Vereins, wie auch unserer russischen Partnerorganisation Perspektivy in St. Petersburg.

Die besondere Verbindung eines wachen und klugen Geistes mit einem offenen Herzen gab Margarete eine menschliche Größe, die jeder sofort spürte, der ihr begegnete. Der Glaube, Dinge verändern zu können, die allgemein als unveränderlich galten, trieb sie an. Die Rufe derer zu hören, die niemand hören konnte oder wollte, ließ ihr keine Wahl. Sie tat immer, was ihr ihre Vorstellung von Menschlichkeit und dem Wert allen Lebens gebot. Dabei stellte sie die eigenen Bedürfnisse oft weit hinter die Erfordernisse dessen, was getan werden musste.

Dass sie dazu Mitstreiter und Weggefährten, Verbündete und Unterstützer suchte und fand, war ihr großes Talent und Teil ihrer außerordentlich gewinnenden Persönlichkeit. Ein grenzübergreifendes Netz von Beziehungen und Kontakten spannte sie zwischen Ländern und Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen. Dabei jedem das Gefühl zu geben, ein bedeutender Teil des Ganzen zu sein, war ihr wichtig.

1992 gründete Margarete mit Freunden Perspektiven e.V., um in St. Petersburg Projekte für Straßenkinder zu unterstützen. Mit den ersten Spendengeldern wurde ein Kleinbus gekauft und mit Kleidung gefüllt nach St. Petersburg gebracht. Durch den deutschen Krankenpfleger Dominik Schlun kam Margarete 1995 zum ersten Mal in das Heim für Kinder mit Behinderungen in Pawlowsk, einem Vorort von St. Petersburg. Dort sah sie Kinder, die in ihren Betten lagen, umgeben von absoluter Stille, von einer Handvoll älterer Frauen notdürftig sauber gehalten und von drei Schüsseln Brei am Tag nicht satt. Für die es nichts gab, als den Blick an die Zimmerdecke, Tag für Tag. Margarete blieb bei ihnen.

Sie gewann die Bobath-Therapeutin Cornelia von Oppen, die schon bald ein erstes Seminar für die Mitarbeiter des Kinderheims durchführte. Um die Kinder aus ihren Betten zu holen, fand Margarete einen Bündnispartner in der „Initiative Christen für Europa“ mit deren Leiter, dem Jesuiten Theobald Rieth. 1996 begannen die ersten vier deutschen Freiwilligen ihren sozialen Dienst im Kinderheim.

Immer mehr Gleichgesinnte schlossen sich Margarete an und arbeiteten mit ihr an der Verbesserung der Lebensumstände von Kindern mit Behinderungen. So entwickelte sich auch der russische Verein Perspektivy, der 1999 offiziell gegründet werden konnte und den sie zusammen mit Mascha Ostrovskaja geleitet hat. Heute ist Perspektivy eine bedeutende Hilfsorganisation in Russland, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen engagiert.

Margaretes unermüdlicher Einsatz hat vielen Menschen ermöglicht, ein neues, selbstbestimmtes und würdevolles Leben zu führen. Dafür war immer viel diplomatisches Geschick, große Überzeugungskraft und die Fähigkeit zum Dialog notwendig, um auch mit staatlichen Institutionen in Russland zusammen zu arbeiten. Wenn man ihr Lebenswerk betrachtet, wird deutlich, dass sich die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen in St. Petersburg durch ihr Engagement erheblich verbessert haben.

Auf dem Weg dahin erhielt Margarete viele Auszeichnungen, u.a. 2005 das Bundesverdienstkreuz. In der ihr eigenen Bescheidenheit hat sie immer darauf verwiesen, dass diese Anerkennungen mit vielen anderen zu teilen seien. Gleichzeitig hat sie die damit verbundene Popularität stets zu nutzen gewusst, um Aufmerksamkeit und Unterstützer für die Arbeit in St. Petersburg zu gewinnen.

Margarete handelte auch im Bewusstsein für das Leid, das Deutsche im 2. Weltkrieg über Russland gebracht haben. Die Entwicklung guter Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern, das gegenseitige Kennenlernen und sich Näherkommen von Deutschen und Russen bedeuteten ihr viel.

Wir sind unendlich traurig, dass Margarete nicht mehr bei uns ist. Sie hat uns alle geprägt. Wir wollen ihr Werk in ihrem Geist fortsetzen. Perspektiven schenken.

 

Nachruf Deutsch-Russischer Austausch

Nachruf Initiative Christen für Europa

Nachruf Caritas Osnabrück

Nachruf Benjamin Bidder

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Juli 2020 - Unser neuer Rundbrief ist soeben erschienen und steht Ihnen HIER als PDF zur Verfügung. Darin berichten wir über den außergewöhnlichen Einsatz von Persektivy in St. Petersburg für Menschen mit Behinderungen in Zeiten von Corona.

Juli 2020 - Interview: "Das System lebt von alten Vorstellungen"
Der Jurist Andrei Saizew leitet die Rechtsabteilung bei Perspektivy in St. Petersburg. Im Interview spricht er über die Möglichkeiten, mit denen Menschen mit Behinderungen in Russland rechtlich geschützt werden können – und die Grenzen der juristischen Arbeit.

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Rundbrief Juni 2020

Juli 2020 - Unser neuer Rundbrief ist soeben erschienen und steht Ihnen

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Corona-Ausnahmezustand

Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich auch die Arbeit von Perspektivy in St. Petersburg verändert.

Dazu hat Perspektivy eine eigene Website gestartet: https://doma.perspektivy.ru

Die gute Nachricht ist, dass alle Mitarbeiter und Freiwilligen weiterhin für die Betreuten sorgen, in der Nähe oder aus der Entfernung, und alles Mögliche dafür tun, dass die Hilfs- und Betreuungsprogramme erhalten bleiben. Die weniger gute Nachricht ist, dass die Kontakte mit den Betreuten stark eingeschränkt werden mussten, um die Ansteckungsgefahr für sie zu reduzieren, denn ihr Immunsystem ist oft schwach und das neue Virus kann für sie sehr gefährlich sein.

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Rundbrief Dezember 2019

Dezember 2019 - Unser neuer Rundbrief ist soeben erschienen und steht Ihnen HIER als PDF zur Verfügung. Darin berichten wir u.a. über die gewachsene Zusammenarbeit mit städtischen Schulen in St. Petersburg, damit sie auch Kinder mit schwereren Behinderungen aufnehmen.

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Hospitation

November 2019 - Sechs KollegInnen aus Sankt Petersburg und Moskau reisten in der vorletzten Novemberwoche nach Hamburg. Ziel der dreitägigen Studienreise war es, die ambulanten Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen kennenzulernen, die in Hamburg unter der Leitlinie der Inklusion, Personenzentrierung und Sozialraumorientierung als Leistungsform der „ambulanten Sozialpsychiatrie“ angeboten werden.

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